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Internationalisierung - 23.12.2004

 Rede des brasilianischen Erziehungsministers in den Vereinigten Staaten
      

Bei einer Diskussion in einer Universität in den USA wurde der Erziehungsminister Cristovam Buarque gefragt, was er von der Internationalisierung des Amazonasgebiets hielte. Der amerikanische Student sagte, er hoffe, die Antwort eines Humanisten zu bekommen und nicht die eines Brasilianers.

Nachstehend die Antwort von Cristovam Buarque:

Als Brasilianer würde ich mich natürlich gegen eine Internationalisierung des Amazonasgebiets verwahren. Egal wie wenig Beachtung unsere Regierungen diesem Naturerbe schenken, es gehört uns.

Als Humanist und im Bewusstsein des Risikos einer weiteren Schädigung der Umwelt, unter der das Amazonasgebiet leidet, kann ich mir eine Internationalisierung dieses Gebiets schon vorstellen, genau so wie von allem anderen, das für die Menschheit von Bedeutung ist. Wenn wir im Namen einer humanistischen Ethik das Amazonasgebiet internationalisieren sollen, dann müssten wir auch die Erdölreserven der ganzen Welt internationalisieren.

Das Erdöl ist für das Wohl der Menschheit ebenso wichtig wie  das Amazonasgebiet  für unsere Zukunft. Und trotzdem fühlen sich die Herrscher über die Erdölreserven berechtigt, dessen Förderung zu steigern oder zu drosseln, genauso wie sie den Preis dafür erhöhen können.

Auf die gleiche Weise müsste man das Finanzkapital der reichen Länder internationalisieren.
Wenn das Amazonasgebiet ein Schutzgebiet für alle Menschen ist, dann darf es nicht nach dem Belieben seiner Eigentümer oder eines Landes abgebrannt werden. Das Abbrennen des Amazonasgebiets ist ebenso schwerwiegend, wie die Arbeitslosigkeit, die durch die willkürlichen Entscheidungen der Spekulanten der Weltwirtschaft verursacht wird. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Finanzreserven ganzer Länder aus Freude am Spekulieren verbrannt werden.

Bevor das Amazonasgebiet internationalisiert wird würde ich aber gern erst an der Internationalisierung aller großen Museen der Welt teilnehmen. Der Louvre darf eigentlich nicht nur Frankreich gehören. Jedes Museum in der Welt ist Verwahrer der schönsten Werke, die durch die schöpferischen Kräfte des Menschen entstanden sind. Man darf nicht zulassen, dass dieses Kulturerbe genauso wie das Naturerbe des Amazonasgebiets nach  Belieben eines einzigen Eigentümers bzw. eines einzigen Landes manipuliert und zerstört wird.

Vor einiger Zeit beschloß ein japanischer Millionär, das Bild eines großen Meisters mit ins Grab zu nehmen. Bevor so etwas passiert, müsste man ein solches Gemälde internationalisieren.

Während dieses Zusammentreffens  veranstalten die Vereinten Nationen gerade das Jahrtausendforum. Für die Präsidenten einiger Länder war es wegen der Komplikationen an der Grenze zu den USA jedoch schwierig, daran teilzunehmen.  Ich meine also,  New York als Sitz der Vereinten Nationen sollte internationalisiert werden. Zumindest Manhattan sollte der ganzen Menschheit gehören. Wie übrigens auch Paris, Venedig, Rom, London, Rio de Janeiro, Brasilia, Recife und jede Stadt mit ihrer besonderen Schönheit und ihrer Weltgeschichte sollte der ganzen Welt gehören.
Wenn die Vereinigten Staaten das Amazonasgebiet wegen des Risikos, es der Verantwortung der Brasilianer zu überlassen, internationalisieren wollen, dann lasst uns auch das atomare Arsenal der Vereinigten Staaten internationalisieren. Und sei es nur, weil sie in der Lage wären, diese Art von Waffen einzusetzen, was zu einer Zerstörung führen würde, die tausend mal größer wäre, als die kläglichen Brände in den Wäldern Brasiliens.

Während ihrer Debatten erwogen die Präsidentschaftskandidaten der Vereinigten Staaten die Internationalisierung der Blumenreserven der Welt gegen Streichung von Schulden. Wir sollten nun diese Schulden dafür verwenden,  allen Kinder der Welt die Möglichkeit zu verschaffen, etwas zu essen zu bekommen und zur Schule zu gehen. Internationalisieren wir doch die Kinder, indem wir sie, wo auch immer sie geboren werden, wie einen Schatz behandeln, der die Beachtung der ganzen Welt verdient. Mehr noch, als das Amazonasgebiet. Wenn die Staats- und Regierungschefs der Welt die armen Kinder weltweit wie ein Erbe der Menschheit behandelten, dann ließen sie sie nicht arbeiten, während sie eigentlich zur Schule gehen müssten und sie ließen sie nicht sterben, während sie eigentlich leben dürfen sollten.

Als Humanist trete ich für die Idee einer Internationalisierung der Welt ein. Solange mich die Welt jedoch als Brasilianer behandelt, setze ich mich dafür ein, dass das Amazonasgebiet uns gehört und nur uns!

Dieser Text wurde nicht veröffentlicht. Helfen Sie uns, ihn zu verbreiten.

            Cristovam Buarque

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