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Die Entwicklung Europas - 6. Kulturelle Vielfalt und Bildung
6.1. Die internationale Gemeinschaft und “kulturelle Vielfalt“
6.1.1. Worauf gründet die Mobilisierung der internationalen Gemeinschaft zugunsten der kulturellen Vielfalt?-
Die Grundsätze der neoliberalen Wirtschaft, die für die achtziger Jahre prägend waren, haben zu einer Deregulierung und Privatisierung des Telekommunikationssektors geführt. Fortan zeichnet sich eine Tendenz zur Konzentration der Informationsinhalte und zu deren Übertragung in gewaltigen Größenordnungen ab.
Im Rahmen der weltweiten Wirtschaftsverhandlungen (General Agreement on Trade & Tariffs (GATT) und World Trade Organisation (WTO)) sind die „Werke des Geistes“, kulturelle Güter und Dienstleistungen wie einfache Waren behandelt worden.
Insbesondere die Kulturwirtschaft und ihre Informations- und Kommunikationsnetze transportieren Werte eines neuen „Universalismus“, die zur Massenkultur tendieren und die kulturelle Vielfalt bedrohen.
Vgl. MATTELART A. Diversité culturelle et mondialisation (Kulturelle Vielfalt und Globalisierung) in „la Découverte“ – Paris 2005
Die Konflikte dieser Welt sind überdies oft ethnischen oder religiösen Ursprungs.
Vgl. HUNTINGTON Samuel, Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, 1996
Die UNESCO (Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur) hat sich dieser Fragen auf ihrer 33. Generalkonferenz (20. Oktober 2005). angenommen. Das Übereinkommen über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen wurde mit 148 Stimmen angenommen. Es sollte drei Monate nach Hinterlegung der 30. Ratifikationsurkunde in Kraft treten. Bis zum Frühjahr 2006 hatten nur Kanada und Mauritius ratifiziert.
Vgl. GAGNE G., La diversité culturelle, vers une convention internationale effective? (Kulturelle Vielfalt, auf dem Weg zu einem wirksamen Übereinkommen?), Fides, Montréal, 2005.
6.1.2. Weshalb ist dieses Übereinkommen wichtig?-
Dieses Übereinkommen ist bedeutsam, weil damit der Grundstein für ein internationales Recht im Kulturbereich gelegt wird, in einem Umfeld, welches auf wirtschaftlicher Ebene geprägt ist von einer Tendenz zur Konzentration um eine mächtige Kulturwirtschaft und auf technischer Ebene durch den Ausbau des Internet, das entweder dem kulturellen Pluralismus oder aber der Dominanz eines einheitlichen kulturellen Modells Vorschub leisten könnte.
6.1.3. Was ist das Neue an diesem Übereinkommen?-
Das Übereinkommen ist ein Grundlagentext, ist es doch das erste Mal, daß die internationale Gemeinschaft im Bereich des Austauschs kultureller Aktivitäten, Güter und Dienstleistungen gesetzgeberisch tätig wird, ein Bereich, der bisher der alleinigen Rechtsprechung des Handelsrechts unterstellt war, wie sie bis 1994 im Rahmen des GATT und später dann durch die WTO erarbeitet wurde.
Es begründet den wirtschaftlichen und kulturellen Doppelcharakter der kulturellen Aktivitäten, Güter und Dienstleistungen, die nicht mehr auf ihren bloßen Warenwert reduziert werden und daher nicht allein kommerziellen Regelungen unterworfen werden sollen.
Vgl. MUSITELLI Jean, Zusammenfassung des Beitrags in : “La diversité des expressions culturelles: le rôle de l’éducation, (Diversität kultureller Ausdrucksformen: die Rolle der Bildung), Paris, Palais du Luxembourg, Februar 2007, Kolloquium der Association française des femmes diplômées des universités.
Es erkennt den Staaten das Recht zu, die Freiheit der kulturellen Ausdrucksformen durch öffentliche politische Maßnahmen zu unterstützen, um eine wirkliche Vielfalt sicherzustellen, wie sie von den herkömmlichen Mechanismen nicht garantiert werden kann; dieses Recht geht mit der Verpflichtung einher, sich anderen Kulturen gegenüber zu öffnen.
Es schafft einen solidarischen Rahmen zwischen dem Norden und dem Süden, mit dem Ziel, benachteiligten Ländern bei der Bereitstellung eines Instrumentariums für die kulturelle Entwicklung zu unterstützen.
6.2. Das Konzept der „kulturellen Vielfalt“, die Rolle der Medien und der Pädagogik
6.2.1. Was versteht man unter „Kultur“?-
Kultur ist bekanntermaßen eine schwer greifbare Ressource, die sich ständig neu darstellt, die sich Gruppen aneignen und durch die diese Gruppen wiederum geprägt werden. Ihre Geschichte beginnt im 16. Jahrhundert, und ihre moderne Definition geht auf das 19. Jahrhundert zurück. Sie erblickt zusammen mit der Anthropologie das Licht der Welt und entwickelt sich gemeinsam mit ihr.
Der Begriff der Kultur als besonderes Merkmal einer Gruppe ist deutschen Ursprungs: „Volksgeist“. Das deutsche Konzept der „Kultur“ begründet somit eine neuartige Verwendung des Ausdrucks: die Werke des Geistes, der Sprache, Religion, Philosophie und Moral, die das besondere Gut eines Volkes darstellen und dieses somit von den anderen Völkern unterscheidet.
Heutzutage kann der Kulturbegriff je nach Kontext in mehrfacher Hinsicht gedeutet werden: Formen der geistigen Entwicklung, Fähigkeit der Kreativität, Arten der Freizeitbeschäftigung, die einer sozialen Gruppe eigene Art und Weise des Denkens und Handelns, künstlerische und literarische Traditionen, Affektivität zu einem Ort, einem Land und einer Epoche, Gesamtheit der Ideen und Werte, Vielfalt der Sitten und Gebräuche, der Sprachen und Formen des gesellschaftlichen Lebens.
Noch grundlegender ausgedrückt bezeichnet Kultur die Fähigkeit des Menschen, sich an die durch die Natur auferlegten Beschränkungen anzupassen.Die Anthropologen definieren Kultur mit Hilfe dreier Merkmale:
- sie ist nicht angeboren, sondern wird erworben;
- die verschiedenen Aspekte der Kultur stellen ein System dar, d.h. alle Elemente sind miteinander verbunden;
- sie wird gemeinsam wahrgenommen und grenzt daher Gruppen voneinander ab.
Vgl. IMBERECHTS M., Culture, fondement de l’intégration européenne in: Intégration
européenne, un processus à géométrie variable
(Kultur, die Grundlage der europäischen Integration, in Europäische Integration, ein Prozeß variabler Geometrie) - Kolloquiumsdokument, Brüssel, Europäisches Parlament, März 2004.
6.2.2. Wird die Vielfalt der Kulturen allgemein anerkannt?-
Die menschlichen Gesellschaften unterscheiden sich voneinander in Raum und Zeit durch den Glauben, die Kompetenzen, Riten, Religionen, Sprachen, die unterschiedliche Art und Weise des Fühlens, Verstehens und Reagierens.
Überdies gilt die allgemeine Regel, daß sich alle Individuen durch mehrere Kriterien voneinander unterscheiden: frühere Errungenschaften, Existenzbedingungen, Kulturen der Mutter und des Vaters, soziale Repräsentation etc.
In den Schulen tritt diese Vielfalt durch die Anwesenheit von Kindern aus eingewanderten Familien stärker zu Tage.
Die kulturelle Vielfalt ergibt sich somit aus unterschiedlichen Ausdrucksformen, ebenso wie sich die Biodiversität aus den biologischen Unterschieden in der Natur ergibt. Sie ist als Konzept ausgestaltet und wird als Prinzip verteidigt und in den gesetzlichen Bereich integriert.
Die einzelnen Aspekte, welche die kulturelle Vielfalt ausmachen, sind auch ihre Grundlage:- zunächst ontologisch: wie die Biodiversität (biologische Vielfalt) ist auch die kulturelle Vielfalt eine grundlegende und essentielle Dimension des Menschen und ein Recht, durch das seine Würde garantiert wird;
- kulturelle Güter und Dienstleistungen sind mehr als nur einfache Waren, denn sie sind auch und vor allem Träger einzigartiger Werte und eigener Identitäten.
6.2.3. Wird die Vielfalt der Kulturen ohne weiteres akzeptiert?-
Die kulturelle Vielfalt ist das Postulat aller humanistischen Einstellungen; sie setzt die geistige Fähigkeit voraus, zu sich selbst und dem eigenen Referenz- und Wertesystem gegenüber auf Distanz zu gehen und sich um Offenheit und um einen Dialog zu bemühen.
Und doch erscheint diese Vielfalt den einen oder anderen oft ungehörig.
Michel de MONTAIGNE* klagte bereits: Ich schäme mich, unsere Leute in dieser törichten Gemütsart zu sehen, sich über Formen zu entsetzen, die im Widerspruch zu ihren eigenen stehen. Es erscheint ihnen nämlich als außerhalb ihres Elements, wenn sie sich jenseits ihres Dorfes befinden. Wo sie auch gehen, sie halten an ihren eigenen Formen fest und verabscheuen jegliche fremde Form. (freie Übersetzung, Essais 1562, Buch 3 Kapitel 9).
„Sich in der Stelle eines anderen zu denken“ -
Emmanuel KANT*. Der Philosoph hat aus dieser Maxime den Grundsatz für eine ganze Philosophie gemacht, einen Modus des „Zusammenlebens“, des Denkens, eine erweiterte Denk- und Anschauungsweise.
6.2.4. Inwieweit steht der Ethnozentrismus der kulturellen Vielfalt entgegen?-
Ethnozentrismus ist eine spontane und universelle Tendenz, bei der die eigene gesellschaftliche Gruppe und die eigene Kultur als Maßstab wahrgenommen wird und Abweichungen anderer Kulturen von diesem Maßstab als Zeichen von Unterlegenheit klassifiziert werden. Der Ethnozentrismus erweist sich als großes Hemmnis für das Kennen- und Verstehenlernen anderer Gesellschaften.
Claude LEVI-STRAUSS* definiert den Ethnozentrismus wie folgt:
Die älteste Einstellung, die zweifellos auf festen psychologischen Grundlagen beruht, da sie dazu neigt, bei jedem von uns wieder aufzutreten, wenn wir in eine unerwartete Lage versetzt werden, besteht darin, diejenigen kulturellen, moralischen, religiösen, sozialen und ästhetischen Formen ganz einfach zu verschmähen, die am weitesten entfernt von jenen sind, mit denen wir uns identifizieren. Freie Übersetzung nach Levi-Strauss Rasse und Geschichte, Paris, 1952.
Lévi-Strauss zeigt auch, daß die Europäer – zumal die Geschichte Europas durch die Entwicklung wirtschaftlicher Macht und der Techniken geprägt ist – zur Auffassung neigen, andere Gesellschaften, die auf diesen Gebieten nicht so fortschreiten konnten, seien Gesellschaften ohne Geschichte, primitive Gesellschaften.
Kulturen unterscheiden sich in der Tat voneinander, doch diesen Unterschied auf Ungleichheit zurückzuführen, stellt eine Form des Ethnozentrismus dar.
6.2.5. Welche Rolle spielen die Medien bei der Problematik der kulturellen Vielfalt?-
Die Medien nehmen in unserer modernen Gesellschaft einen zentralen Stellenwert als Kommunikationsmittel ein. Ihre Rolle mit Blick auf den kulturellen Pluralismus ist daher von grundlegender Bedeutung.
Die Rolle der Presse ist es, von der Realität in ihrer Komplexität zu berichten, was voraussetzt, die Pluralität der Meinungen wiederzugeben und aus dieser Pluralität ein aktives und lebendiges Prinzip zu machen. - Beitrag von
Edouard DELRUELLE* im Rahmen der Debatte über die Zivilgesellschaft, organisiert vom Senat des belgischen Föderalen Parlaments aus Anlaß des 175. Jahrestags der Gründung Belgiens, Les médias et la citoyenneté (Medien und Zivilgesellschaft), 10. Mai 2005.
Heute sieht man sich allenthalten einem quantitativen Überangebot an Informationen gegenüber (immer neue themenbezogene TV-Kanäle, Diversifizierung der Informationstechniken und –mittel wie etwa Internet etc.), was von den einen so interpretiert wird, daß der Pluralismus im Medienbereich verschwinde und die angebotenen Informationen zunehmend „simplifiziert“ würden, während die anderen im Gegenteil darauf verweisen, daß die Möglichkeiten des Zugangs zu anderen Kulturen dadurch vielfältiger würden.
Stellen die Medien somit in dem Maße, wie sie sich eine einheitliche Welt formen, eine Bedrohung der Vielfalt dar? Die Kräfte des Marktes haben eine zunehmende Konzentration der Presse zur Folge, vor allem in den Ländern Mitteleuropas.
Die möglichen Gefahren für den Informationspluralismus sind vor allem mit der wirtschaftlichen Politik der Medienkonzerne verbunden, mit den Weisungen der Direktion an ihre Redaktionen und den Arbeitsbedingungen in den Redaktionen. -
Jean-Jacques JESPERS* anläßlich einer Debatte über Zivilgesellschaft und Medien.
Dieser wirtschaftliche Druck (Einschalt- bzw. Leserquoten und Verkaufszahlen) lastet auf dem Pluralismus und der Qualität der Informationen: so wird beispielsweise der Journalismus vor Ort letztendlich in zunehmendem Umfang durch Kopien von Depeschen ersetzt, was unweigerlich zu einer Vereinheitlichung der Informationen führt.
Der Leser wird mehr und mehr wie ein „Verbraucher“ und nicht wie ein aufgeklärter Bürger behandelt, wie dies die „Infoshows“ und die von den Medien konstruierte vereinfachte und reduzierte Sicht der Welt verdeutlichen. Der Konkurrenzdruck erklärt weitgehend auch die Entpolitisierung der Inhalte und das Fehlen kritischer Geisteshaltung: man erzählt Geschichten, statt die Welt in ihrer Vielfalt und Komplexität zu analysieren. Freilich geht das gewachsene Bildungsniveau der Bevölkerung auch einher mit einer Bereicherung und einer wachsenden Zahl von Kultur- und Dokumentarsendungen und -programmen, was wiederum dazu beiträgt, daß man sich der kulturellen Vielfalt zunehmend bewußt wird. Damit sich diese Tendenz verallgemeinert, müssen die Lehrkräfte dieses „Sich-bewußt-werden“ in ihren Unterrichtsplänen fördern.
Debatten, Widerspruch, der Austausch von Meinungen, kritische Haltung und Offenheit, die ja Postulate der kulturellen Vielfalt sind, werden heute durch die Vereinheitlichung der Medien immer mehr gefährdet. Pluralität setzt voraus, daß andere Meinungen geachtet werden und daher zumindest ausgetauscht und kommuniziert werden können. Mehr noch: Pluralität bedeutet, daß man bereit ist, sich zu „verändern“, d.h. an die Stelle des anderen zu versetzen, was noch weit über Toleranz hinausgeht.
6.2.6. Welche Pädagogik ist nötig, um die kulturelle Vielfalt in den Bildungsbereich zu integrieren?-
Die Bildung hat einen direkten Einfluß auf das Handeln, die Einstellungen, Sitten und die Vorstellung von der Welt, denen die gesellschaftlichen Akteure anhängen.
Zur Förderung der kulturellen Vielfalt im Bildungsbereich könnten mindestens drei Wege in Betracht gezogen werden:- Der freie Ausdruck
Eine pädagogische Einstellung, die bei Kindern den freien Ausdruck fördert und es ihnen ermöglicht, gestützt auf ihre selbstgemachten Erfahrungen und Erlebnisse die Fähigkeit zu entwickeln, ihre eigene Kultur, ihre Identität, ihr Wertesystem zu verstehen und zu integrieren und mit ihren Mitschülern zu teilen, insbesondere durch die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund in die herkömmlichen Schulen. Ein solches Bewußtsein ist unverzichtbar, will man sich der kulturellen Komplexität der Anderen öffnen.
In multikulturellen Klassen können Kinder mit sehr unterschiedlichen Horizonten durch diese Art des Erwerbs der Kommunikationsmechanismen (Lesen, Schreiben) untereinander Beziehungen knüpfen, die weit mehr von Verständnis geprägt sind und die Kinder in stärkerem Maße bereichern. Diese subjektfokussierte differenzierte Pädagogik fördert nicht nur den Wissenserwerb, sondern auch die persönliche Entwicklung des Kindes, seine Kreativität und Fähigkeit, sich Neuem gegenüber zu öffnen.- Erweiterte Zusammensetzung der Lerninhalte
Eine transversale Vision im Zusammenwirken mit vergleichender Analyse kann deutlich machen, daß ein gewöhnliches Ereignis - in einem gegebenen Zeitraum - von einer Region zur anderen ganz unterschiedlich gewertet werden kann, je nach den spezifischen Merkmalen des Zeitraums, der Mannigfaltigkeit der geographischen Bedingungen, des Einflusses herausragender Persönlichkeiten, der Motivationen im Zusammenhang mit einem singulären Kontext. Dieser eher für Jugendliche und Erwachsene geeignete Ansatz ermöglicht es, gleichzeitig die Simultanität großer Bewegungen, Übereinstimmungen, Ähnlichkeiten, aber auch Abweichungen und Kontraste - d.h. die kulturellen Verschiedenheiten - zu erfassen
- Ausbildung der Lehrkräfte in interaktiver Pädagogik
Damit ist eine Ausbildung gemeint, die auf einer offenen und differenzierten pädagogischen Beziehung beruht und sich auf den Dialog - ausgehend von einer thematischen Struktur in ihrem chronologischen Ablauf - und auf eine erweiterte Zusammensetzung der Inhalte stützt.
6.3. Die Ursprünge der kulturellen Vielfalt in Europa
6.3.1. Wie läßt sich die kulturelle Vielfalt durch die Lage Europas auf dem eurasischen Kontinent und seine geographische Gestalt begründen?-
Die klassische Geopolitik sieht den eurasischen Kontinent als Dreh- und Angelpunkt des Planeten. Auf diesem großen Schauplatz leben 75% der Weltbevölkerung, und hier werden derzeit zwei Drittel der weltweiten Produktion erbracht.
Dank der geographischen Lage Europas zwischen den nördlichen Breitengraden und dem subtropischen Klima des Mittelmeerraumes einerseits und dem vom Golfstrom durchzogenen Atlantischen Ozean und den Bergen des Urals und dem Kaukasus andererseits profitiert der Kontinent von einem Klima, das sich günstig auf die menschliche Entwicklung auswirkt.
Die besonders buchtenreichen und zerklüfteten Küsten und das damit verbundene Vordringen des Meeres in das Innere des Kontinents haben die Schiffahrt als Verkehrsmittel gefördert. Das kam nicht nur dem Austausch zwischen den europäischen Völkern zugute, sondern hat die Europäer auch beflügelt, den ganzen Globus zu erkunden und die Verbreitung ihrer Zivilisation auf dem gesamten Planeten zu fördern. Die Europäer haben den Planeten erstmals systematisch durchzogen, so daß man sie mit Fug und Recht als für die Globalisierung der Weltwirtschaft verantwortlich bezeichnen könnte.
Dank der Geologie und die Oberflächengestalt ist Europa durch eine große Ebene geprägt, die sich über 2000 km von den Küsten des Atlantischen Ozeans bis zum Ural erstreckt, und von Bergketten umsäumt wird: die kantabrischen Kordilleren, Pyrenäen, Alpen, Apenninen, Karpaten, das Balkangebirge und schließlich der Kaukasus, der sich über 1000 km vom Schwarzen Meer bis zum Kaspischen Meer verlängert, haben den Austausch zwischen den Kulturen gebremst. Das gut entwickelte Netz von Wasserstraßen (Rhone, Rhein, Donau, Wolga etc.) hingegen hat sich günstig auf den Handel und den Austausch zwischen den verschiedenen europäischen Regionen ausgewirkt.
Europa ist zudem durch eine hohe Bevölkerungsdichte und eine Vielzahl von Kulturen gekennzeichnet, die sich in ihren entsprechenden Räumen – gleichzeitig differenziert durch ihre Geographie und ihren historischen Kontext - entwickelt haben. Diese Dichte hat nur wenige natürliche Regionen intakt gelassen, mit Ausnahme einiger unzugänglicher Orte (die Tundra im Norden Skandinaviens und Rußlands sowie die Gipfel der Alpen).
Diese Vielfalt hat natürlich zu einer ebenso außergewöhnlichen Vielfalt der Kulturen geführt.
Festzuhalten ist, daß die geographische Gestalt Europas nicht dem Zuschnitt der europäischen Länder entspricht. So erstrecken sich die Türkei und Rußland beispielsweise über die Grenzen des europäischen und asiatischen Kontinents hinweg. Galt das Mittelmeer zur Zeit des Römischen Reiches noch als Binnenmeer (mare nostrum), so stellt es heute eine Barriere dar, die in politischer Hinsicht schon schwerer zu überwinden ist. Diese Beobachtung hat mehrere Autoren dazu veranlaßt, Europa eher als eine Gesamtheit von Gedanken und Ideen als eine begrenzte geographische Einheit zu sehen.
Vergleiche hierzu auch:
Jaques Le Goff* in „Le Goff erzählt die Geschichte Europas“ und
Bernard Coulie*, Rektor der Universität in Louvain-la-Neuve (Belgien) in seinem Artikel „Culture européenne: un itinéraire“ (Roadmap der europäischen Kultur) - siehe „Artikel und Konferenzen“.
6.3.2. Welche Wanderungsbewegungen liegen der Besiedlung Europas zugrunde?-
In der Vorgeschichte erfolgen die ersten Phasen der Besiedlung Europas. In diesem Zusammenhang sei auf drei Migrationswellen verwiesen, die oft mit klimatischen Veränderungen einhergingen:
Nach dem Verlassen seiner afrikanischen Wiege dringt der Homo erectus nach Asien und Europa vor (1.800.000 bis 200.000 v. Chr.). Man findet die Spuren des „archaischen“ Homo sapiens zunächst im südlichen Europa (Georgien, Frankreich, Spanien), dann - im Gefolge einer klimatischen Erwärmung - weiter oben im Norden (Deutschland, Belgien, Großbritannien) und schließlich in Griechenland, Ungarn etc.
Zwischen 100.000 und 40.000 Jahren v. Chr. kommt es zu einer zweiten Besiedlungswelle, vom Nahen Osten in Richtung westliches Europa, insbesondere nach Skandinavien, wo man die letzten Jäger und Sammler findet.
Die dritte Welle (40.000 - 3.000 v. Chr.) entspricht der Welle der Neolithisierung: in Europa kommt es zur Verbreitung des Ackerbaus und der Viehzucht und zum Gebrauch von Keramik und geschliffenen Steingeräten. Die seßhafte Lebensweise mit der Entwicklung des Ackerbaus und der Viehzucht, die das Jagen, Fischen und Sammeln begleiten und ergänzen, verbreitet sich ausgehend vom Mittelmeerbecken in ganz Europa.
Zum Ende des zweiten Jahrtausends führt die Aufspaltung der Kulturen zu Schaffung eines wahren Mosaiks diverser regionaler Gruppen in Europa.
In der Protogeschichte führt der allgemeine Gebrauch von Metallen zu Handelsbewegungen, die mit dem unabdingbaren Bedarf an Zinn und Kupfer verbunden sind. Diese Entwicklung ist untrennbar verbunden mit der Expansion der Indoeuropäer. Archäologische Funde verdeutlichen, daß sich zu diesem Zeitpunkt in ganz Europa gleichzeitig gemeinsame Merkmale und eine große Mannigfaltigkeit bei der Dekoration von Waffen sowie Keramik und Steingeräten, bei Beerdigungsgebräuchen und -riten (Einäscherung, Beisetzung etc.), den Siedlungsformen etc. herausbilden.
Erstaunlich ist die große Verbreitung von gefertigten Gegenständen und Objekten, die vom Norden in den Süden und vom Osten in den Westen Europas verbracht werden.
Während der Protogeschichte kommt auch die Schrift im Süden Mesopotamiens, bei den Hittiten und den Griechen auf.
Die phönizische Kolonisierung im westlichen und südlichen Mittelmeerraum und später dann die griechische Kolonisierung erklären die kulturellen Veränderungen im Mittelmeerbecken, das sich von der Gesamtheit des Kontinents zu differenzieren beginnt, insbesondere durch die Entwicklung städtischer Ansiedlungen. Allerdings hat man für den gleichen Zeitraum auch städtische Ansiedlungen im Embryonenstadium im Nordosten Europas feststellen können, die eine Verbindung zwischen den einzelnen Regionen dort, dem mittleren und dem südlichen Europa sicherstellen
Die griechische Kolonisierung verleiht dem Mittelmeerbecken einen kulturellen Charakter, der mit dem keltischen Raum vergleichbar und dennoch wegen seiner schriftlichen Spuren sehr unterschiedlich ist.
Später dann kommt es zur Verbreitung wichtiger kultureller Elemente über das Mittelmeerbecken hinweg, wie beispielsweise des Konzepts der Stadtstaaten, des politischen Begriffs der zentralisierten Organisation, der Schrift mit ihren verschiedenartigen Hilfsmitteln, der Kunst des Redens und der demokratischen Debatten; dem schließt sich alsbald die römische Expansion an.
Zum Ende des ersten Jahrtausends v. Chr., während sich das Römische Reich in ganz Europa ausbreitet, siedeln sich germanische Stämme im Nordwesten des Limes an. Zur gleichen Zeit drängen auch finno-ugrische und baltische Völker, die lange Zeit im zentralen Rußland als Nachbarn gelebt haben, in Richtung Westen und besiedeln die Ufer der Ostsee.
Die Expansion der Römer schafft anschließend in Europa einen Raum der gemeinsamen Zivilisation, in dem sich freilich verschiedenartige kulturelle Wesensmerkmale halten können, wie aus den Schriften von
Julius Cesar* und vor allem
Tacitus* ersichtlich ist, der unter dem Eindruck der germanischen Kulturen sein berühmtes Werk Germania schreibt.
Zum Ende des Römischen Reiches, im vierten bis fünften Jahrhundert unserer Zeitrechnung, siedeln sich im Gefolge der Abwanderung der Germanen unter dem Druck der Hunnen (Turko-Mongolen aus Asien) slawische Stämme in Mitteleuropa an, vom baltischen Raum bis südlich der Donau, denen schon bald die Awaren und Bulgaren folgen. Die abrupten Siedlungsbewegungen im neunten und zehnten Jahrhundert führen in Europa zur Einführung neuer Sprachgruppen und neuer Arten der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verwaltung. Die halb-seßhaften germanischen Stämme bringen die Strukturen der Römischen Reiches ins Wanken und ersetzen die zentralisierte Verwaltung durch Königreiche mit verschiedenartigen Sprachen, familiären Strukturen, Rechtssystemen und religiösen Gebräuchen, die noch heute für Europa kennzeichnend sind.
Das Gebiet zwischen dem Schwarzen Meer und dem Kaspischen Meer wird zu jener Zeit über einen langen Zeitraum hinweg von einem anderen turko-mongolischen Stamm, den Khasaren, besetzt gehalten. Ihre Ansiedlung wird von Byzanz gefördert, das die Araber daran hindern will, den Kaukasus zu überqueren.
Zum Ende des ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung ist Europa – auch wenn es zeitweilig vor asiatischen Invasionen verschont bleibt – nach wie vor der Schauplatz bedeutender Bevölkerungsverschiebungen. Bereits im 11. Jahrhundert brechen die Europäer zu den Kreuzzügen in den Nordosten auf, in die baltischen Länder, gegen die Nordslawen. Dem schließen sich zahlreiche Kreuzzüge an, die sie nach Südwesten und in den Nahen Osten führen, der von den Arabern besetzt gehalten und durch den Vormarsch der Türken bedroht wird. Die Europäer unternehmen lange Entdeckungsreisen in den Fernen Osten, wie beispielsweise die Reisen des Marco POLO und des Plan CARPIN.
Zwischen dem 8. und dem 15. Jahrhundert sieht sich Europa den letzten großen Invasionen asiatischer Eroberer ausgesetzt: die Mongolen dringen in das gesamte nordöstliche Europa vor, während das Osmanische Reich das Balkangebiet im Südosten Europas erobert, bevor dann Konstantinopel im Jahre 1453 selbst fällt. Durch diese doppelte Besetzung wird Rußland über zweihundert Jahre hinweg von Europa abgetrennt (bis Peter der Große an die Macht kommt), wodurch tiefe kulturelle Brüche geschaffen werden; dem folgt dann aber eine Renaissance und Dynamik, die vom Ende des 15. Jahrhunderts bis zum 16. Jahrhundert zu voller Blüte gelangt.
Diese Verschiebungen der Völker, die hier nur sehr allgemein skizziert werden, bestimmen die Sprachenkarte Europas und erklären die Vielfalt der Gebräuche, die Vielschichtigkeit der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen sowie der Entwicklung der Religionen in Europa.
Zum Ende des 15. Jahrhunderts sind die Wanderungsbewegungen mit den großen Entdeckungen und der Kolonisierung verbunden. Nach einer systematischen Untersuchung läßt sich bestätigen, daß diese Kolonisierung im 16. Jahrhundert von allen Ländern Europas betrieben wurde, wobei sie jedoch durch eine enorme Vielschichtigkeit bezüglich der Beweggründe, Mittel, führenden Protagonisten und Ergebnisse gekennzeichnet ist.
Die Religionskriege und die Verfolgungen, die für das Mittelalter in großem Umfang belegt sind, nehmen in dem Moment eine dramatische Größenordnung an, da sich alle Monarchen der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts auf die Religion stützen, um den Nationalstaat zu stärken (Heinrich VIII, Gustav Vasa, Karl der Fünfte, Franz I, Suleiman der Herrliche usw.).
Dieses Phänomen verändert auch die Aufteilung und Zusammensetzung der gesellschaftlichen Klassen, die sich wegen des Umfangs der politischen und wirtschaftlichen Veränderungen von einer Region zur anderen unterscheiden.
In der Neuzeit sind nicht alle Länder Europas in gleichem Maße von den großen ideologischen und politischen Revolutionen betroffen, die das Ende des 18. Jahrhunderts prägen, insbesondere die Länder, die unter dem türkischen Joch bleiben (der Südosten Europas) und alle Länder, die unter der Kontrolle von Monarchien göttlichen Rechts verbleiben, wie Rußland, Preußen usw. Die wirtschaftlichen Veränderungen im Zusammenhang mit der industriellen Revolution wirken sich von einer Region zur anderen auf unterschiedliche Weise aus, zumal diese Revolution nicht in allen Regionen Europas vollendet wird.
Die demographischen Explosionen, die zwar den gesamten europäischen Kontinent und vor allem Rußland erfassen, wirken sich nicht auf die gleiche Art und Weise auf alle Regionen Europas aus. So leitet etwa Rußland sein gewaltiges Bevölkerungsreservoir in die kolonisierten Gebiete (unter anderem Sibirien) um, während das westliche Europa, wo der Sättigungspunkt erreicht und eine Überbevölkerung zu verzeichnen ist, eine gewaltige Auswanderungswelle durchlebt: zwischen 1850 und 1900 verlassen siebzig Millionen Europäer den Alten Kontinent, von denen fünfzig Millionen nie mehr dorthin zurückkehren.
Heute ist Europa zum Schauplatz riesiger Einwanderungsbewegungen geworden, die auf die Konflikte und die schwierige wirtschaftliche Lage in den Herkunftsländern zurückzuführen sind. Die meisten Einwanderer kommen aus Afrika, aber auch aus Asien, Lateinamerika und Osteuropa. Dieses besondere Phänomen der Migration hat eine tiefgreifende Veränderung der Karte der Sprachen und Religionen in Europa zur Folge. Soziologen sehen sich veranlaßt, von einer Ersetzung der „gesellschaftlichen Klassen“ durch „ethnische Klassen“ zu sprechen.
6.3.3. Welche großen Sprachfamilien gibt es in Europa?-
Die kulturelle Vielfalt kommt in mehreren Kriterien zum Ausdruck, darunter auch in den Sprachen.
Europa kann aufgrund der großen Zahl der schon seit langem verwendeten Sprachen und infolge der jüngsten Integration asiatischer und afrikanischer Sprachen auf eine überraschende sprachliche Vielfalt verweisen.
Mit Ausnahme der baskischen Sprache, deren Ursprünge noch unklar sind, lassen sich drei große Sprachengruppen benennen:
Die indoeuropäischen (oder indogermanischen) Sprachen sind die wichtigste Gruppe in Europa. Vergleichende Untersuchungen dieser Sprachen haben es ermöglicht, diese Zivilisation etwas näher zu beleuchten, unter anderem die entsprechenden verwandtschaftlichen Beziehungen. Die Linguistik weist ebenfalls die Existenz einer einheitlichen Ausgangssprache nach.
Die Indo-Europäer treten in der Geschichte erstmals etwa im dritten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung in Erscheinung; sie kommen aus dem Süden der jetzigen Russischen Föderation, einem Gebiet, das sich vom Norden Armeniens und des Kaspischen Meeres bis hin zu den Steppen Zentralasiens erstreckt.
Die primitive indo-europäische Sprachengemeinschaft hat sich zweifelsohne bis zum Beginn der Eisenzeit gehalten. Zu Beginn des zweiten Jahrtausends treten dann differenzierte Sprachen auf den Plan, die sich allmählich entwickeln: Sanskrit in Indien, Altpersisch im Iran, Griechisch in Griechenland, Latein in Italien, Keltisch in Mitteleuropa, die germanischen Sprachen im östlichen Europa, die slawischen und baltischen Sprachen im zentralen Rußland.
Die semitische Sprachfamilie umfaßt zwei Gruppen: eine nördliche (Assyrisch-Babylonisch, Hebräisch, Phönizisch, Aramäisch etc.) und eine südliche Gruppe, die zum einen aus dem eigentlichen Arabisch (sowie seinen Dialekten und den Hybridformen, wie z.B. dem Maltesischen) und zum anderen dem Himyaritischen (Sabäisch) und den daraus abgeleiteten oder nahestehenden Idiomen besteht.
Zur hebräischen Sprache ist festzustellen, daß diese seit der Hochantike in Europa mit wechselnder Intensität schon immer gesprochen wurde, je nachdem, ob die jüdische Diaspora sich eher in dem Land integrierte, in dem sie Wurzeln geschlagen hatte, oder ob sie im Gegensatz dazu ihre Identität bekräftigen wollte, indem sie sich ihrer traditionellen Sprache bediente. In einigen Fällen hat sich das Hebräische mit einer lokalen Sprache zu einer neuen Sprache vermischt, wie zum Beispiel das Jiddisch in Mitteleuropa und das Sephardische vor allem in Spanien und Griechenland.
Die turko-mongolischen Sprachen erscheinen in Europa bereits in der Antike; im Mittelalter finden sie sich bei den Awaren und dann, im 6. Jahrhundert, bei den Bulgaren. Wie auch die Hunnen haben sie keine nennenswerte Spuren im Substrat der europäischen Sprachen hinterlassen (außer in der Toponymie).
Die kaukasischen Sprachen – an der Nahtstelle zwischen der europäischen und der asiatischen Welt gelegen, ist der Kaukasus (440.000 km) ein außergewöhnlicher Ort der Begegnungen. Seine Berge und Täler haben zahlreichen ethnischen Gruppen Zuflucht geboten, die dort ihre Kulturen, Religionen und Sprachen pflegten, in einem solchen Umfang, daß der Kaukasus heute in punkto ethnolinguistischer Vielfalt die größte Konzentration weltweit aufweist.
In den vergangenen Jahrzehnten hat Europa dank bedeutender Veränderungen bei der Verteilung der Sprachen eine Bereicherung erfahren, insbesondere im Hinblick auf das Arabische, das im westlichen und südlichen Europa - von Skandinavien bis Spanien - zur Umgangssprache von Millionen Europäern geworden ist. Auch eine ausgedehnte chinesische und ostasiatische Gemeinschaft hat in Europa Wurzeln geschlagen. In diesen Gemeinschaften bleiben die Sprachen der Herkunftsgebiete sehr lebendig.
6.3.4. Was ist der konzeptuelle Unterschied zwischen Plurilinguismus und Multilinguismus?-
Unter Plurilinguismus versteht man „individuelle Vielsprachigkeit“, d.h. eine Person verwendet mehrere Sprachen. Dieser Begriff unterscheidet sich vom Multilinguismus, der das „Nebeneinander mehrerer Sprachen in einer sozialen Gruppe“ bezeichnet.
Es sei darauf verwiesen, daß es weltweit mehr zweisprachige Kinder gibt als Kinder, die nur eine Sprache beherrschen, also monosprachlich sind. Die Mehrsprachigkeit ist mithin die Regel und nicht die Ausnahme. Monosprachliche Kinder kommen im allgemeinen aus Ländern, in denen die Muttersprache eine internationale Sprache ist.
Eine plurilinguale Gesellschaft besteht mehrheitlich aus Menschen, die in der Lage sind, sich mit unterschiedlichem Kompetenzniveau in mehreren Sprachen auszudrücken, d.h. aus mehrsprachigen oder vielsprachigen Personen, während eine multilinguale Gesellschaft mehrheitlich aus monosprachlichen Einzelpersonen bestehen kann, die die Sprache des anderen nicht beherrschen. - Europäisches Forum für Mehrsprachigkeit, Europäische Charta für Mehrsprachigkeit, Paris, 2007
6.3.5. Warum ist der Plurilinguismus eine wesentliche Größe für eine demokratische Zivilgesellschaft?-
Die sprachliche Vielfalt ist ein grundlegender Bestandteil der europäischen Identität; Sprache bietet den besten Zugang zu allen Kulturen.
Als Träger von Werten der Toleranz und Akzeptanz von Unterschieden und Minderheiten ist der Plurilinguismus eine besonders wirksame Form der Kommunikation im Raum der öffentlichen Debatte.
Die Übersetzung kann niemals erschöpfend oder vollkommen sein. Sie bleibt ein Hemmnis für die Verständigung zwischen zwei Gesprächspartnern. Das gegenseitige Verständnis ist immer besser, wenn jeder die Sprache des anderen kennt, sowohl auf informationeller als auch auf emotionaler Ebene, und ein wirkliches wechselseitiges Verständnis kann nur auf der Bündelung der Kultursprachen beruhen.
Da unsere Kenntnisse voneinander im wechselseitigen Verständnis wurzeln, ist der Plurilingualismus untrennbar mit einer aktiven Zivilgesellschaft verbunden. Das politische Europa und das Europa der Bürger können ohne die wesentliche Größe des Plurilinguismus nicht existieren, die bestens geeignet ist, den Fortbestand der nationalen Einheiten in Europa zu bekräftigen.
Da die Sprache zudem ein Quell des Wissens um den Anderen und daher für seine Anerkennung als Bürger unabdingbar ist, stärkt der Plurilinguismus das Gefühl einer Unionsbürgerschaft.
In der Tat, eine aktive Unionsbürgerschaft als Ergänzung der nationalen Staatsbürgerschaft kann nicht gestaltet werden ohne eine Vervielfältigung und Vertiefung des Austausches auf der Ebene der Völker und Menschen, deren hauptsächlicher Vektor die Sprache ist. - Europäische Charta für Mehrsprachigkeit, Zitat aus „Plurilinguismus, Kultur und Zivilgesellschaft“, Seite 6.
Erst durch die Beteiligung der Bürger an den öffentlichen Debatten wird ihre Einbindung in die europäischen Politikbereiche möglich; daraus folgt, daß es ohne Mehrsprachigkeit keine Möglichkeit der Interaktion und des erfolgreichen Austauschs gibt.
6.3.6. Warum muß der sprachlichen Vielfalt Vorrang eingeräumt werden?-
Im Zeitalter der Globalisierung muß der sprachlichen und kulturellen Vielfalt eine Vorrangstellung zukommen.
Sprachen drücken Konzepte aus, die sich in den einzelnen Sprachen nicht immer entsprechen und mitunter nicht von einer in die andere Sprache übersetzbar sind. Weil die Sprache Teil des geistigen und kulturellen Bezugsrahmens ist und daher Sinn bzw. Richtungen und Vorstellungen vorgibt, bietet die Einführung einer einheitlichen internationalen Kommunikationssprache keine Garantie für das wechselseitige Verständnis und somit für das Kennenlernen des Anderen.
Europa, das im Hinblick auf seine geographische, kulturelle und sprachliche Vielfalt so reich ist, muß alles tun, um seine sprachliche Vielschichtigkeit zu fördern und entsprechend zur Geltung zu bringen.
6.3.7. Welche Probleme schafft die Sprachenvielfalt in Europa, und warum ist sie dennoch der größte Vorteil Europas?-
Die Europäische Union der 27 Mitgliedstaaten umfaßt eine Vielzahl von Sprachen vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Nationen und Regionen, die das europäische Kaleidoskop ausmachen, sowie der Sprachen der Zuwanderer, die ebenso vielfältig sind. Die Identität Europas ergibt sich aus seinen Kulturen und Sprachen, den alten und den modernen. Europa kann folglich ohne die Anerkennung dieser Vielfalt nicht existieren.
Das Problem der sprachlichen Vielfalt in Europa stellt sich im Zusammenhang mit der Funktionsweise der europäischen Organe und Institutionen (Arbeitssprachen und Verfahrenssprachen), aber auch bei den Kontakten der Europäer miteinander.
Im Laufe der Geschichte ist die sprachliche Einheit stets als eines der Fundamente der nationalen Einheit betrachtet worden. Es geht daher darum, sich der spezifisch europäischen Dimension der Mehrsprachigkeit und des Reichtums, den diese für Europa darstellt, noch stärker bewußt zu werden.
Heute kann man in Europa – und auch weltweit - beobachten, daß das Englische als Kommunikationssprache immer mehr in den Vordergrund tritt, wodurch die Originalität und der Reichtum der Vielsprachigkeit in Europa bedroht werden. Morgen könnte es das Chinesische sein. Anerkanntermaßen ist der Besitz der eigenen Muttersprache eine grundlegende Freiheit, und der Grundsatz der Mehrsprachigkeit muß in den Beitrittsurkunden zur Europäischen Union festgeschrieben werden.
Die Kenntnis einer oder mehrerer Fremdsprachen bringt natürlich eine wesentliche Erweiterung unseres Gesichtsfeldes mit sich und ist daher eine zusätzliche Freiheit, die im aktuellen europäischen Kontext notwendig ist. - Europäische Charta für Mehrsprachigkeit.
6.3.8. Was ist Esperanto?-
Esperanto ist eine künstliche Sprache, die einfach und bequem zu erlernen ist. Sie wurde von
Ludwik Lejzer Zamenhof* erfunden, der über die fehlende Kommunikation zwischen den Bewohnern unterschiedlicher Herkunft (jüdisch, polnisch etc.) in seiner Stadt besorgt war.
Er entwickelte daher eine leicht zu erlernende Sprache, mit Wurzeln und Vor- bzw. Nachsilben, die es ermöglichen, sich das gesamte Vokabular zu erarbeiten. Esperanto kennt keine Ausnahmen und kann in ungefähr einem Zehntel der Zeit erlernt werden, die für andere bedeutende internationale Sprachen aufgebracht werden muß. Bei seiner ersten Veröffentlichung benutzte Zamenhof das Pseudonym Doktoro Esperanto („hoffender Doktor“, „Doktor, der hofft“) – daher der Name, unter dem diese Sprache sich in der Folge verbreitete. Diese Sprache hat den Vorteil, daß sie neutral ist, in dem Sinne, daß kein Sprecher dem anderen seine Sprache aufzwingt, nach dem Vorbild des Ecu im Währungsbereich. Esperanto ist als zusätzliche Sprache zur jeweiligen Muttersprache konzipiert worden.
Der erste vom Volk ausgehende Aufruf zur Schaffung einer einheitlichen europäischen Währung kommt übrigens aus einer Gruppe von Benutzern des Esperanto, die sich der Vorteile der Einführung einer solchen Währung sehr gut bewußt waren (
siehe Abbildung 1.2.1.b.).
Im Internet finden sich zahlreiche Webseiten, auf denen Esperanto gelehrt wird und man Leute finden kann, die sich dieser Sprache bedienen … deren Anzahl übrigens weltweit immer weiter steigt.
6.3.9. Welche großen Religionen teilen sich das Gebiet Europas?-
Vor der Entstehung des Christentums und seiner Ausdehnung zu Beginn des ersten Jahrtausends war der Paganismus (Naturreligion) die am weitesten verbreitete Religion im westlichen Europa: der Animismus, der Druidismus bei den Kelten etc. Diese traditionellen Religionen waren polytheistisch und wurden in großem Umfang praktiziert, wie die ägyptische, griechische, römische Religion und die der germanischen, slawischen und keltische Stämme.
Die Ausdehnung des Römischen Reiches leistet der Entwicklung des Christentums Vorschub, das im neunten Jahrhundert zur Staatsreligion wird. Nach dem Untergang des Römischen Reiches stützen sich die Königreiche der Barbaren auf die christliche Religion, um ihre Macht zu festigen und die beherrschten Gebiete zu befrieden. Dies gilt für die großen Könige wie Clovis, Alerich und Theodorich. Später sollte Karl der Große diese Politik noch weiter verstärken.
Das karolingische Modell einer auf die Kirche gestützten Monarchie wird von den skandinavischen Fürsten und den Fürsten Osteuropas aufgegriffen (Böhmen, Polen, Ungarn, Georgien und Rußland), die ihre Territorien bereits ab dem 11. Jahrhundert unter dem Bischofsstab christlicher Fürsten abstecken.
Der Deutsche Orden schickt sich unter dem Vorwand der Christianisierung an, die baltischen Länder, den Norden Polens und Finnland zu erobern. Diese Länder verbleiben unter dem katholischen Einflußbereich und der Abhängigkeit vom Papst, was den Verdruß des Patriarchen von Konstantinopel hervorruft, der seinerseits das Balkangebiet und Osteuropa (Rumänien, die heutige Slowakei) christianisiert und dem Einflußbereich der Orthodoxie einverleibt hat. Diese Unzufriedenheit führt im Jahre 1054 zur Spaltung (Schismus) zwischen der katholischen Kirche und der Orthodoxie, die bis heute nicht überwunden werden konnte.
Der Protestantismus, aus dem Katholizismus hervorgegangen, entwickelt sich im 16. Jahrhundert infolge von Mißbräuchen durch das Papsttum und von politischen und sozialen Problemen im christlichen Europa, und zählt heute eine große Anzahl von Anhängern. Ganz Nordeuropa, ein Teil Deutschlands, Großbritannien (mit Ausnahme von Irland) und Island gelten im allgemeinen – neben bedeutenden Minderheiten in allen anderen Ländern Europas - als der protestantischen Religion zugehörig.
Die orthodoxe Religion unter dem Einfluß der drei Patriarchen in Istanbul, Moskau und Alexandria hat sich weitgehend in Osteuropa ausgebreitet, in den slawischen Ländern und in den von Rußland kolonisierten Ländern, mit Ausnahme derer, die islamisiert wurden oder in denen der Animismus noch eine lebendige Glaubensform geblieben ist (Schamanismus).
Derzeit verteilen sich folgende große Religionen auf den europäischen Raum: das Christentum (Katholiken, Protestanten, Orthodoxe), der Islam (Schiiten und Sunniten), das Judentum sowie das Neuheidentum (Neopaganismus). Der Paganismus wird offiziell in Island, Norwegen, Dänemark und auch in den baltischen Ländern anerkannt.
Der Norden Europas ist mehrheitlich protestantisch geprägt, während der Süden mehrheitlich katholisch ist. Einige kalvinistische Einsprengsel finden sich darüber hinaus über den ganzen Kontinent verteilt. Im Osten ist ein Großteil der Bevölkerung orthodoxen Glaubens.
In unserer Zeit gestaltet sich die Ausübung des religiösen Glaubens auf vielfältige Art und Weise, insbesondere unter dem Einfluß des Nahen und Fernen Ostens.
Die Einwanderer aus Asien, dem Nahen Osten und Afrika sind moslemischen Glaubens; sie stellen in Westeuropa etwa ein Viertel der Bevölkerung.
6.4. Die Kulturpolitik in der EU
6.4.1. Welche Zuständigkeiten hat die EU im Kulturbereich?-
Im Jahre 1992 wird im Vertrag von Maastricht erstmals die kulturelle Dimension der europäischen Integration anerkannt. In Artikel 151 des Vertrags über die Gründung der Europäischen Gemeinschaft (der heute nach wie vor die einzige rechtliche Grundlage für die Kulturpolitik darstellt) wird auf die Förderung der kulturellen Vielfalt und die Hervorhebung des gemeinsamen kulturellen Erbes bei gleichzeitiger Achtung des Subsidiaritätsprinzips Bezug genommen. In diesem Rahmen kann die Gemeinschaft kulturelle Fördermaßnahmen für die Wahrung, Verbreitung und Entwicklung der Kultur in Europa durchführen.
Allerdings werden Fragen der Kulturpolitik vom Rat der EU mit Einstimmigkeit entschieden, womit darauf abgezielt wird, die kulturellen Unterschiede und die Vielfalt zu wahren. So ist die Rolle der EU in diesem Bereich darauf beschränkt, Maßnahmen der Zusammenarbeit zwischen den kulturellen Akteuren der einzelnen Mitgliedstaaten zu fördern oder deren Initiativen zu ergänzen. Es handelt sich also eher um eine transnationale Zusammenarbeit im Kulturbereich, durch die ein europäischer Mehrwert geschaffen wird, als um eine wirkliche gemeinsame Politik.
Um ihre Kulturpolitik in die konkrete Praxis umzusetzen, bedient sich die EU eines Instrumentariums zur Unterstützung kultureller Initiativen, wie beispielsweise die Programme „Kultur“, „MEDIA“, „Europa für Bürgerinnen und Bürger“ und die Aktion „Europäische Kulturhauptstadt“.
Die Union führt zudem eine kulturelle Dimension in viele andere Politikbereiche ein, beispielsweise Bildung (vor allem Fremdsprachenerwerb), Wissenschaft und Forschung, Förderung neuer Technologien und Informationsgesellschaft sowie soziale und regionale Entwicklung. Im Rahmen des Europäischen Sozialfonds und des Europäischen Regionalfonds werden knapp 500 Millionen Euro jährlich für Projekte mit einer kulturellen Komponente ausgegeben.
Zu den Tätigkeiten im Kulturbereich:
europa.eu/scadplus/leg/fr/s20014.htm
Zum Programm „Europa für Bürgerinnen und Bürger“:
ec.europa.eu/citizenship
6.4.2. Worauf erstreckt sich das Programm „Kultur 2007“?-
Das Programm „Kultur 2007“ ist eines der kulturellen Förderprogramme der EU, die von der Generaldirektion Bildung und Kultur der Europäischen Kommission verwaltet werden und auf direktem Wege Kulturprojekte in den Mitgliedstaaten zugute kommen. Es knüpft an das Programm „Kultur 2000“ und an frühere Programme wie „Raphaël“, „Ariane“ und „Kaleidoskop“ an und erstreckt sich auf den Zeitraum 2007-2013.
„Kultur 2007“ ist mit einem Budget von 400 Millionen Euro für alle kulturellen Tätigkeiten im nicht-audiovisuellen Bereich ausgestattet und umfaßt die folgenden vier Ziele:- Unterstützung der grenzüberschreitenden Mobilität von Menschen, die im Kultursektor arbeiten
- Unterstützung der Sensibilisierung, Verbreitung und Bewahrung von künstlerischen und kulturellen Werken und Erzeugnissen über die nationalen Grenzen hinweg
- Förderung der Erfassung und Verbreitung von Informationen im kulturellen Bereich
- Förderung des interkulturellen Dialogs.
Ziel des Programms ist es letztendlich, einen gemeinsamen Kulturraum für die Europäer zu schaffen, im Hinblick auf die Förderung der Herausbildung einer europäischen Unionsbürgerschaft.
Näheres über die GD Bildung und Kultur:
europa.eu/dgs/education_culture
Zum Programm „Kultur 2000“:
europa.eu/scadplus/leg/fr/lvb/l29006.htm
Zum Programm „Kultur 2007“:
europa.eu/scadplus/leg/fr/lvb/l29016.htm
6.4.3. Welches sind die „europäischen Kulturhauptstädte“ des Jahres 2008?-
Für das Jahr 2008 wurden die Städte Liverpool (Vereinigtes Königreich) und Stavanger (Norwegen) als „europäische Kulturhauptstädte“ benannt.
Das Programm „Kulturhauptstadt“ erstreckt sich auf den Zeitraum 2007-2019, doch die Aktion geht auf das Jahr 1985 zurück, als sie vom Rat der EU ins Leben gerufen wurde. Zu Beginn wurden die Städte noch auf zwischenstaatlicher Ebene ausgewählt, seit 2005 entscheidet darüber der Rat auf Vorschlag der Europäischen Kommission. Alljährlich werden ein oder zwei Städte als „Kulturhauptstädte“ Europas ausgewählt, die damit Finanzmittel aus dem entsprechenden Programm erhalten können. Mit dem Geld werden Ausstellungen und Veranstaltungen finanziert, die das kulturelle Erbe der Stadt und ihrer Umgebung herausstellen, aber auch ein breites Spektrum von Aufführungen, Konzerten und anderen Darbietungen mit Künstlern aus ganz Europa. Die Erfahrungen haben gezeigt, daß das Programm eine langfristige Wirkung auf die Entwicklung von Kultur und Tourismus der ausgewählten Städte hat.
Beispielhaft seien hier folgende Städte genannt:
2005 : Cork (Irland)
2006 : Patras (Griechenland)
2007 : Luxemburg und Sibiu (Rumänien)
2008 : Liverpool (Vereinigtes Königreich) und Stavanger (Norwegen)
2009 : Vilnius (Litauen) und Linz (Österreich)
2010 : Essen (Deutschland) und Pécs (Ungarn)
Näheres zu den europäischen Kulturhauptstädten:
ec.europa.eu/culture/eac/other_actions/cap_europ/cap_eu_fr.html
6.4.4. Was sind die Ziele des „MEDIA-Programms“?-
Die MEDIA-Programme laufen seit 1990 und sollen die Wettbewerbsfähigkeit und Dynamik des audiovisuellen Sektors in Europa stärken. Das Programm „MEDIA 2007“ knüpft an die Programme „MEDIA Plus“ und „MEDIA Formation“ an und erstreckt sich auf den Zeitraum 2007-2013; es ist mit insgesamt 755 Millionen Euro ausgestattet. Seine Ziele sind:
- Fortbildung von entsprechenden Fachkräften
- Entwicklung von Produktionsprojekten und -unternehmen
- Vertrieb von Kinofilmen und audiovisuellen Programmen
- Förderung der europäischen Industrie in Europa und weltweit
- Ermöglichung des Zugangs kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) im audiovisuellen Sektor zu Finanzierungen.
Näheres zum Programm „MEDIA“:
ec.europa.eu/information_society/media/index_fr.htm
6.4.5. Abschließende Bemerkungen-
6.4.5.1 Gemeinschaftliche Zuständigkeiten in kulturellen Fragen
6.4.5.2 Was ist die offizielle Position der EU im Bereich der kulturellen Vielfalt?
Die kulturelle Vielfalt und die Mehrsprachigkeit, die auf der Sprachenvielfalt in den Ländern der Europäischen Union gründet, sind in den Verträgen festgeschrieben. Die Mehrsprachigkeit stellt ein grundlegendes Prinzip der Sprachenpolitik der europäischen Organe und Institutionen dar, sowohl intern als auch extern.
Die Union erläßt Gesetze hinsichtlich Anzahl und Gebrauch der Amts- und Arbeitssprachen in ihren internen und externen Mitteilungen, während sie im Bereich der Sprachenpolitik der Mitgliedstaaten nicht rechtsetzend tätig wird. Aus der aufmerksamen Lektüre der Bestimmungen der Verträge (und der künftigen „Verfassung“?) und der Prüfung des gemeinschaftlichen Besitzstandes ergibt sich unter anderem folgendes:- die Union „wahrt … den Reichtum ihrer kulturellen und sprachlichen Vielfalt …“ Artikel I-3; Vertrag von Nizza;
- „Die Gemeinschaft leistet einen Beitrag zur Entfaltung der Kulturen der Mitgliedstaaten unter Wahrung ihrer nationalen und regionalen Vielfalt sowie gleichzeitiger Hervorhebung des gemeinsamen kulturellen Erbes.“ (Artikel III-280; Vertrag von Nizza: Art. 151 EG-Vertrag);
- im Bereich der gemeinsamen Handelspolitik beschließt „der Rat ebenfalls einstimmig über Abkommen im Bereich des Handels mit kulturellen und audiovisuellen Dienstleistungen, wenn diese die kulturelle und sprachliche Vielfalt in der Union beeinträchtigen können.“ (Artikel III-315; Vertrag von Nizza: Art. 133 EG-Vertrag).
In diesem Zusammenhang sei darauf verwiesen, daß der Kommission unter der Leitung von Präsident BARROSO, die am 22. November 2004 ihre Arbeit aufnahm, zum ersten Mal ein Kommissar angehört, zu dessen Portfolio auch die Frage der Mehrsprachigkeit (Multilinguismus) gehört. Er hat im September 2006 eine hochrangige Arbeitsgruppe zur Mehrsprachigkeit eingesetzt, die aus elf Persönlichkeiten des akademischen und kulturellen Lebens aus den Mitgliedstaaten besteht. Zum 1. Januar 2007 sind die auf den Multilinguismus bezogenen Zuständigkeiten von Kommissar Figel auf den neuen rumänischen Kommissar Leonard Orban übergegangen.
Die Grundsätze des Multilinguismus sind deutlich ausgestaltet, und die Instrumente für ihre Förderung sind vorhanden. Die Probleme der wirksamen Umsetzung des Multilinguismus ergeben sich bei der laufenden Kommunikation, amtlich oder nicht-amtlich, sowohl auf interner Ebene bei den Organen bzw. Institutionen als auch extern bei der Kommunikation mit den Bürgern.
Siehe hierzu auch: „La diversité linguistique et les institutions de l’UE: sept constats et sept mesures.“ (Sprachenvielfalt und die Organe der EU: sieben Feststellungen und sieben Maßnahmen) Roger Vancampenhout. Internes Arbeitspapier. Den Autor erreichen Sie unter: europa-jetzt.org/emfr/spip.php
6.4.6. Welche Bedeutung hat die Vielfalt der Einstellungen in Europa-
Die kulturelle Vielfalt führt zu signifikanten Unterschieden in der Art und Weise, wie die Bürger an die verschiedenen Aspekte des täglichen Lebens herangehen. So lassen sich beispielsweise die Angelsachsen von einem Rechtssystem auf der Grundlage des „Common Law“ leiten, bei dem die Rechtsprechung durch praktische Fälle aus der Vergangenheit bestimmt wird. In den „lateinischen“ Ländern wird die Durchführung von Geschäften derart von Gesetzen diktiert, daß beispielsweise in einem Land wie Italien jede Entscheidung in einen Gesetzestext „gegossen“ wird.
Überdies ist ein grundlegender Unterschied bei der Betrachtungsweise der Leistungen des öffentlichen Dienstes festzustellen. Während die Angelsachsen Wert auf die „operative“ Leistung ihres öffentlichen Dienstes legen – eine Ex-post-Bewertung ist dort gängige Praxis –, sind die „lateinischen“ Länder eher auf Aspekte der Rechtmäßigkeit bzw. Rechenschaftspflicht im Zusammenhang mit der Erbringung der öffentlichen Dienste ausgerichtet und betrachten das, was sie als „Gegengewalt“ bezeichnen, weniger wohlwollend (
siehe auch Frage 2.1.5.).
Ein weiteres Beispiel für die Unterschiede zeigt sich im Umgang mit der öffentlichen Gewalt. Im Norden sieht sich beispielsweise die öffentliche Verwaltung als wirklicher „Dienst“ an der Bevölkerung und die Betonung liegt auf den Verpflichtungen, die mit öffentlichen Funktionen einhergehen, während in den Ländern des Südens die Zugehörigkeit zum öffentlichen Dienst eher als Privileg wahrgenommen wird. In den Ländern protestantischer Prägung nehmen die Bürger aktiver am gesellschaftlichen Leben teil, während sich die Bürger in den „lateinischen“ Ländern mehr von einer Hierarchie bevormundet fühlen, der sie oft mit Widerspruch begegnen.
Diese kulturelle Vielfalt macht den Reichtum Europas aus.
Alexis de Tocqueville* geht davon aus, daß sie jede Art von föderativem Zusammenschluß in Europa nach dem Vorbild der Vereinigten Staaten von Amerika unmöglich macht. Sie war der Ausgangspunkt von Kriegen, die Europa im Laufe seiner Geschichte immer wieder heimsuchten, und wird auch der Grund für seinen Niedergang sein, sollten die Unterschiede sich als stärker erweisen als die Bemühungen um eine Konvergenz. Wenn aber diese Unterschiede in dem Sinne anerkannt werden, daß jeder einzelne mit seinen spezifischen Schwächen aber auch seinen Vorteilen verbunden ist, dann kann diese Vielfalt zum Ausgangspunkt, zur Wiege für die Erneuerung der europäischen Zivilisation werden.
Die Zivilisation ist eine Krankheit, die stets fatal ist. - „Zivilisation“ von Kenneth Clark
Siehe hierzu folgende Internetseiten:
portal.unesco.org/education/fr/ev.php-URL_ID=12871&URL_DO=DO_TOPIC&URL_SECTION=201.html
Portal der UNESCO zur kulturellen und sprachlichen Vielfalt in Erziehung und Bildungunesdoc.unesco.org/images/0014/001429/142919f.pdf
Übereinkommen über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen - Generalkonferenz der UNESCO (Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur) in Paris vom 3. bis 21. Oktober 2005.www.diplomatie.gouv.fr/fr/rubrique.php3
Dossier zur kulturellen Vielfalt - französisches Ministerium für Auswärtige und Europäische Angelegenheitenwww.lamediatheque.be/dec/reflexions/diversite_culturelle/index.php
Niederschrift des internationalen Kolloquiums “Le désir de diversité culturelle“ (Der Wunsch nach kultureller Vielfalt), 7.-8. März 2007, Flagey, Brüsselhttp:agora.qc.ca/francophonie.nsf/Dossiers/Diversite_culturelle
Dossier zur kulturellen Vielfalt, Encyclopédie de la Francophonie.www.diversiteculturelle.eu.
Webseite über die kulturelle Vielfalt im EDV-Bereich
Das Portal der Europäischen Union enthält mehrere Seiten, die sich direkt auf die kulturelle Vielfalt beziehen oder ergänzend hinzugezogen werden können:
europa.eu/scadplus/leg/fr/cha/c11042.htm
Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalteuropa.eu/scadplus/leg/fr/lvb/l29017.htm
2008, Europäisches Jahr des interkulturellen Dialogseuropa.eu/scadplus/leg/fr/cha/c10611.htm
Einwanderung und Integrationeuropa.eu/scadplus/leg/fr/lvb/l24107.htm
über die Zukunft der europäischen Regulierungspolitik im audiovisuellen Bereicheuropa.eu/scadplus/leg/fr/lvb/r10107.htm Rassismus, Rassendiskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz



